Norbert Bolz ... über atomisierte Zielgruppen

Veröffentlicht am 27. April 2007 um 14:12 Uhr von Carmen Ullrich-Nolte

Prof. Dr. Norbert Bolz spricht im Track Medien 2.0 über die Zukunft interaktiver Medien. Ein Interview.

Partizipative Medien sind überall Gesprächsthema, doch vieles erinnert an die erste Internetwelle: Die Begeisterung ist da, nur Reichweite fehlt. Müssen die Blütenträume erst wieder zerplatzen, bevor der Markt selbst reif werden kann?
Norbert Bolz: Das ist eine wunderbar poetische Frage. Es ist nicht ausgeschlossen, dass wie beim E-Commerce der Hype platzen muss. Das halte ich auch für wahrscheinlich. Für mich als Wissenschaftler ist das nicht so furchtbar wichtig, ob es jetzt stattfindet oder in ein paar Jahren. Die Grundidee ist doch eigentlich unzerstörbar: Neben der passiven ist eben auch eine partizipatorische Haltung entscheidend. Das hat eher soziologische Gründe. Seit einigen Jahren leben Menschen, die im Internetalter groß geworden sind. Diese Phantomschmerzen gibt es für die gar nicht, für die ist es selbstverständlich, alles aktiv zu nutzen. Es wird zu einer Art Polarisierung kommen: Erstens Menschen mit wahnsinnig viel Zeit und zweitens Menschen, die überhaupt keine Zeit haben. Partizipation ist an einen enormen Zeitbedarf geknüpft. Der Erholungsbedarf ist heute nicht so ausgeprägt – wir haben es mit anderen Lebenssituationen zu tun, die wie gesagt soziologische Gründe haben.

Wer ist der Gewinner im Kampf um die Aufmerksamkeit des Konsumenten?
Das ist auf eine recht einfache Formel zu bringen: Im Zeitalter des „Information Overload“ wird nicht der sich durchsetzen, der ein Mehr an Informationen bietet, sondern der, der fasziniert. Es geht um die Eroberung von Faszinationswerten – nicht jeder Lebensbereich fasziniert mit der gleichen Technik: Die Massenmedien faszinieren mit Skandalen, die Politik mit Problemen, die Wirtschaft mit einem spirituellen Mehrwert für Produkte. In Blogs ist gut zu beobachten, dass das faszinierende Medium „Voice“ ist – denn dort kommunizieren die Menschen unverstellt, authentisch, parteiisch, emotional, laut, aggressiv, polemisch.

Jeder ein eigener Autor, eine Handvoll Filmemacher ein eigener Fernsehsender: Wer soll das alles konsumieren? Und wie verändern diese selbstreferenziellen Menschen die Medienlandschaft?
Es gibt mehr Produktion als Konsumption. Alles wird sich auflösen in der Pareto-Verteilung: 80 Prozent aller Aufmerksamkeit gilt 20 Prozent des Angebots. Alles wird sich nach recht traditionellen Motiven ordnen, z.B. nach Popularität. So wird sich die Aufmerksamkeit verteilen. Es gibt z.B. jetzt schon Superstars unter den Bloggern – so werden sie selbst zum Massenmedium, und die Massenmedien kehren durch die Hintertür wieder.

Zu den Branchen, die die Herausforderung rund um das Mitmach-Web zuerst aufgenommen haben, gehören die Verlage. Katharina Borchert stellt nach Ihrer Keynote beispielsweise das neue Online-Portal der WAZ vor. Werden Verlage wirklich von Blogs, Wikis und Videoportalen profitieren?
Was die Verlage, Zeitungen und Zeitschriften, was alle traditionellen Medien machen, ist eine Art Parallelexistenz aufzubauen. Das halte ich für sehr vernünftig. Das Grundprinzip ist das Linking, so wird die alte mit der neuen Welt verknüpft, und man rechnet mit Rückkopplungseffekten. Durch die Seriosität und Attraktivität z.B. von Spiegel-Online kann man auf die Marke Spiegel aufmerksam werden. Das Handelsblatt hatte sehr früh ein Blog, als Leser war man positiv überrascht – bei den ersten dabei zu sein, das erzeugt Verblüffungseffekte bei den meisten Menschen.
Mindestens ist es ein guter Marketinggag, das Mitmach-Web aufzunehmen – auch, wenn sich keine Rückkopplungseffekte ergeben. Alle werden künftig auf der gesamten Klaviatur neuer Medien spielen.

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