Stefan Glaenzer über individualisiertes Radiohören

Veröffentlicht am 5. April 2007 um 16:56 Uhr von Carmen Ullrich-Nolte

Stefan Glaenzer, last.fm (Foto)

Dr. Stefan Glaenzer ist Sprecher im Track Vom E-Business zum Me-Business. Ein Interview.

Warum ist last.fm beruflich das Faszinierendste, was Sie seit 2000 gemacht haben?
Stefan Glaenzer: Zu Schüler- und Studentenzeiten war ich lange Zeit DJ und tief in der Musik drin – mit der Zeit habe ich im Berufsleben dann den Zugang verloren und bin mit Internet und last.fm wieder zur Musik zurückkehrt. Das ist die private Ebene.

Auf der geschäftlichen Ebene ist es faszinierend, das Wissen aller Nutzer zu einem Service für alle Nutzer zu machen.

Wieso ist last.fm „the social music revolution“?
Die Musikindustrie war immer eine expertengetriebene Industrie. Nehmen Sie z.B. die Radio-DJs, die A&R-Manager, die entscheiden, ob jemand einen Plattenvertrag bekommt oder nicht: Alles, was wir an Musik präsentiert bekommen haben, ging immer erstmal durch einen Expertenfilter.

Demokratischer als mit last.fm geht Musikhören nicht: Die Revolution ist, dass es keine Experten bei uns gibt – das Programm basiert auf dem jeweils eigenen Musikgeschmack. Soweit die Revolution für den Hörer.

Aus Künstlersicht: Wir finden die richtigen Ohren für die richtigen Lieder, ob Nischen- oder Massenmarkt.

Wie verändert sich bei der sozialen Vernetzung über Musikinteressen der Weg der Musik vom Produzenten zum Hörer?
Zunächst einmal der Nutzer: Er soll sein Verhalten nicht umstellen, er soll einfach Musik hören wie bisher. Wir erstellen aus seinem Hörverhalten sein eigenes Musikprofil. Wir analysieren dieses Profil, vergleichen es mit Millionen anderer Profile und können dadurch die richtige Musik empfehlen – dabei gehen wir so weit, jedem sein eigenes, individualisiertes Radioprogramm anzubieten.

Ebenso sind wir in der Lage, Menschen weltweit mit gleichem oder sehr ähnlichem Musikgeschmack zusammenzubringen, wir nennen das „musikalische Nachbarn“. Und wenn Sie einmal unsere Konzert- und Eventempfehlungen genutzt haben, zu Hause oder auf Reisen, dann kommen Sie nie wieder davon los.

Bezogen auf die Künstler: Auf der technologischen Ebene ist es heute einfacher und günstiger, Musik zu produzieren. Hier können wir direkt an die erste Frage anknüpfen: Früher mussten die Produzenten auf der Suche nach ihren Hörern erst durch den Expertenfilter. last.fm kann Produzenten und Hörer nun direkt zusammenbringen.

Was lernen Sie von der last.fm-Community?
Ein Weg ist, auf das Wissen der Menge zu vertrauen – Demokratie basiert ja auf demselben Prinzip, indem alle vier Jahre neu gewählt wird. Mit Musik funktioniert das ähnlich: Jede Sekunde werden bei last.fm 200 Lieder gehört, und durch die Analyse der Daten können wir die Präferenzen herausfiltern.

Was können Communities in Zukunft noch leisten?
Ähnliche Prinzipien werden vielleicht jedes Segment der Welt erfassen. Nehmen Sie beispielsweise Aktiendepots. Empfehlungen basieren ja meist auf Business- und Marketing-Interessen, und Tipps aus Ihrer Community schenken Sie künftig vielleicht mehr Glauben als Empfehlungen Ihrer Bank.

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